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unter Primitiven – Leseproben

Leben und Tod
Zurück zu meinem Garten, einem schönen, großen Garten mit einem schönen, großen Haus. Eine große, lange Rabatte, die gepflegt werden will. Ich reiße "Un"-Kräuter aus, beschneide den Weißdorn, der alles unterkriegt, steche mir in den Lederhandschuh, wundere mich, dass die Dornen da durchkommen. Vor einiger Zeit habe ich Dahlien in die Erde getan und seit Tagen wache ich schon darüber, ob sie aus der Erde kommen und ob sie von den Schnecken abgefressen werden. Ich habe, obwohl ich das eigentlich nicht möchte, Schneckenkorn gestreut, damit die jungen Triebe nicht sofort abgefressen werden, weil meine Mutter gesagt hat, dass die Dahlien nicht mehr kommen, wenn die Triebe von den Schnecken abgefressen sind. Die wollen dann einfach nicht mehr. Und jetzt habe ich die Schnecken beobachtet, wie sie krepieren, braune, schwarze, dicke und dünne, mit einer Schleimspur, obwohl auf der Packung steht, dass dieses Mittel die Schnecken ohne lästige Schleimspur beseitigt. Manchmal sind sie regelrecht zerplatzt, d. h. es ist nur noch Schleim übriggeblieben, von der Schnecke war nichts mehr zu sehen. Und ich frage mich, ob das eigentlich so richtig ist, und ich frage mich auch, was in der Schnecke so vorgehen mag.

Gott und die Welt
Gerne leitet der Mensch seine relativ bevorzugte Position von den Göttern ab. Der Mensch als Gott. Diese mystische Verquickung zwischen Irdischem und Außerirdischem findet sich bis in unsere Tage. Wer kann die bewegenden Bilder auf dem Petersdom vergessen, bei der die Menge Abschied von Papst Johannes Paul II genommen hat und die Begeisterung bei der Inthronisation von Papst Benedikt XVI? Das sind die Momente, in denen bei uns Geschichte lebendig wird. Und es ist der große Aufmarsch der Insignien, die seit eh und je auf die Menschheit besonderen Eindruck gemacht haben: ein Thron, ein Stab, ein Hut, ein besonderes Gewand, dazu Würdenträger, ein großer Teppich, ein großer Platz, Menschenmengen, sorgsam abgezirkelte Areale zwischen "denen da oben" und "denen da unten", den Zuschauern, dem gemeinen Volk, das sich freut, weint, klatscht, mit seinen kleinen Bedürfnissen beschäftigt ist, die Cola-Dose leert, sich Gedanken über die nächstliegende Toilette macht. Man hat das gute Gefühl, eine wirkliche Gemeinschaft zu sein, dazu zu gehören, nicht alleine zu sein.

Kommunikation
Geradezu rührend dagegen die ersten Schriftzeichen, abgeleitet aus Vorbildern in der Natur. Vogel steht für Vogel und damit stellvertretend für die Eigenschaften und Tugenden von Vögeln, Schlange für Schlange und die Eigenschaften und Tugenden von Schlangen. Gefäß für Gefäß. Volles Gefäß für Überfluss, leeres Gefäß für, na? Missernte. Sie werden es erraten haben. Jagdszenen, Menschen, Leoparden, Speere, übermächtige Phantasiewesen, Götter. Ja, vor allem Götter stehen für assoziierte Tugenden und Primäreigenschaften wie Mut, Naturgewalt, Größe, Macht, Weisheit, Fortpflanzung – und das Jenseits. Zunehmende Abstraktion und Komplexität hat zu erweiterten narrativen Strukturen geführt, d. h. es wurden differenziertere Sachverhalte vermittelt, Geschichten erzählt, Vorgänge, Geschehnisse dokumentiert, Zusammenhänge verdeutlicht, über die Götterwelt berichtet. Dies war an die Fertigkeit gekoppelt, die Zeichen zu verstehen und sie richtig zu deuten. Unkundigen war der Zugang verschlossen.

am Anfang ist also das Intranet...
Mit dem kleinen Unterschied allerdings zu dem Intranet, das Sie vor Augen haben, tickt dieses biologische Intranet mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht digital, sondern analog, weshalb ich jetzt den Begriff "analoges Intranet" verwenden möchte. Außerdem hat es Denk- und Handlungskompetenz. Mit Denk-Kompetenz meine ich, dass Aufgabenstellungen, die nicht durch bestehende Handlungsmuster vorprogrammiert sind, geändert und der jeweiligen, neuen Situation angepasst werden können. Und Handlungskompetenz heißt, dass das Ergebnis des neuronalen Checks unverzüglich umgesetzt werden kann. Das Ergebnis des internen Chats der beteiligten Instanzen hat eine unmittelbare Richtungsentscheidung für den Organismus. Das wäre in etwa so, als wenn man das Thema "Frauenquote" weltweit zeitgleich ins Internet stellt und innerhalb von Sekundenbruchteilen ein abgestimmtes, repräsentatives Ergebnis für die Meinung der Weltbevölkerung hat und dieses konsequent in allen Handlungen berücksichtigt. Können Sie sich so etwas vorstellen? Und dann gibt es da noch einen kleinen Unterschied. Dieser betrifft die Aspekte Rezeption und Apperzeption und das Datenvolumen beziehungsweise das intelligente Vergessen.

Zoobesuch
Wann waren Sie das letzte Mal im Zoo?
Sollten Sie wirklich mal wieder hingehen. Das ist immer wieder ein Erlebnis. Wie der Ober-Pavian sein fleischig-rotes Hinterteil bewusst seiner Herde zustreckt. Wie er auf den obersten Zinnen des Affenfelsens thront, mit wildem Gebrüll mal kurz nach unten saust und einem kleinen, völlig unbedeutenden, schmächtigen Affenmännchen zeigt, dass man sich nicht beliebig mit seinem Geschlechtsteil irgendeiner Äffin nähern kann. Wie er sofort wieder seine Top-Position einnimmt, die zwischenzeitlich von irgendeinem anderen dreisten Kerl eingenommen wurde und der mit heftigem Gezeter und Zähnegefletsche vertrieben wird. Das sieht wirklich bedrohlich aus. Unten, am Rand des Felsens, wo die schmutzige Brühe des Wassergrabens mit Abfall, Nussschalen, Exkrementen und Papiertaschentüchern von Besuchern durchsetzt ist, fischt sich ein junger Affe eine Bananenschale aus dem Wasser und sucht nach einem verwertbaren Rest. Es gibt auch noch ganze Bananen, aber da darf keiner ran. Sie liegen auf halber Höhe. Wildes Geschreie, Aufruhr. Ein mittelgroßer Typ aus dem oberen Drittel schwingt sich gewichtig nach unten, bleckt einmal bedrohlich nach rechts und links und beginnt ausgiebig eine Äffin aus dem unteren Drittel zu begatten. Darf er. Der
Oberpavian hat nichts dagegen und reinigt mit den Zähnen seine Fingernägel.

Rasterfahndung
Auf den großen Portal-Seiten begrüßt Sie ein reichhaltiges Angebot von Texten, Bildern, Inhalten der unterschiedlichsten Form, alles blinkt und bewegt sich, Effekte verschiedenster Art versuchen Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und Ihnen werden Informations- oder Angebotshappen vorgeworfen, auf die sie anbeißen sollen. Ja, durchaus wie beim Angeln, wo man durch geeignete Köder und durch ein gezieltes Anlocken versucht, den Fisch auf den Haken zu bekommen. Und dann kommt es bekanntlich darauf an, durch den richtigen Drill den Fisch auch sicher anzulanden. Ist man zu ungeduldig, ist der Fisch weg. Im Fachbegriff heißt das dann: Das cgi- Programm reißt ab.
Im Klartext: Der Anbieter hat den Kontakt zu Ihnen über Ihren Rechner verloren und kann die Verbindung von sich aus nicht mehr so ohne weiteres herstellen. Er muss Sie dann schon anmailen, anrufen oder Ihnen einen Brief schreiben. Gibt er allerdings gezielt nach, bietet noch einige Happen, versorgt Sie zum Beispiel mit einer ausführlicheren Beschreibung, Referenzen von treuen Kunden, aussagekräftigen Bildern, dann kann er Sie schon für sich gewinnen und Sie entscheiden sich für das Angebot.

Galapagos
Diese endemischen Prozesse gibt es natürlich auch noch an anderen Plätzen auf dieser Erde, aber nirgendwo so gehäuft wie auf Galapagos. Die speziellen topographischen und klimatischen Bedingungen haben dazu geführt, dass sich Lebewesen entwickelt haben, die optimal den Lebensbedingungen angepasst sind. Je abgelegener und je unwirtlicher die Lebensumstände, desto gnadenloser vollzieht sich dieser Prozess. Was hat das mit unserer Gesellschaft zu tun? Sie können diesen Mechanismus der Anpassung locker auf Ihre Umgebung übertragen, insbesondere wenn Sie für eine Partei oder in einem großen Unternehmen oder der Behörde arbeiten. Jedes soziale Umfeld, insbesondere jedoch geschlossene Organisationen, die hierarchisch geführt werden und/oder erklärte, satzungsgemäße Ziele verfolgen, die konkreten Arbeitsbedingungen, prägen einen bestimmten Typus, der bereit und in der Lage ist, unter diesen Umständen sein Engagement und seine Arbeitskraft einzubringen. Oder auch nicht, das soll vorkommen. Je mehr er zu der Struktur des Unternehmens, zu der jeweiligen Einzigartigkeit der Unternehmung passt, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass er Karriere machen wird.

Ist Geiz geil?
Sie wollen (und müssen) sparen. Das Geld geht aus. Entweder Sie haben keinen Job mehr oder werden ihn bald verlieren, Ihr Arbeitsplatz ist bedroht, Sie haben keine Aufträge, der Firma droht die Pleite, Sie werden frühpensioniert oder eine Gehaltskürzung steht ins Haus oder Sie haben gemerkt, dass der Euro wirklich ein Teuro ist und 1 : 1 umgesetzt wird und Sie merken, dass die Inflationsrate höher ist als die Zinsen auf Ihrem Sparbuch.
Trotz Warenkorb, der offensichtlich ein politischer Spielball ist und Ihnen immer noch eine moderate Teuerungsrate vorgaukelt. Das Geld ist weniger wert. Das macht aber eigentlich keinen Spaß. Soll aber Spaß machen und trendy sein. Sie sollen sich mit Ihrer Armut in guter Gesellschaft befinden und ein gutes Gefühl dabei haben und – obwohl Sie eigentlich kein Geld haben und sparen wollen – Geld ausgeben. Jugendliche geben gerne Geld für unnötigen Kram aus, weil sie in eine Spaßgesellschaft hineingewachsen sind und Spaß haben wollen. Spaß ist mit Sex verbunden. Wer Spaß hat, hat auch Sex.

Langleinenfischer
Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass man als interner Auftraggeber ganz schön den Verlockungen der Langleinenfischer ausgesetzt ist. Denn da gibt es nicht nur so schlappe Köder wie eine Armbanduhr zum Abo, sondern richtig schöne Reisen, mit Frau und Kind und Kegel. Es gibt Einladungen zu Autorennen und man kann, falls man zufällig seine Frau vergessen hat, auch eine Ersatzfrau bekommen. Die werden von Langleinenfischern überhaupt gerne eingesetzt. Bei potenten Pensionären sollen sich Finanzberaterinnen bewährt haben. Und selbst Autohäuser – eine Domäne eigentlich der Männlichkeit – setzt gelegentlich diese Geheimwaffe ein. Nehmen wir aber doch lieber – um auf dem Boden zu bleiben und der Anschaulichkeit halber – den kleineren Beschaffungsvorgang, sagen wir ab 100 Euro. Darunter wird es für die Langleinenfischer uninteressant, es sei denn, Sie sind Arzt und verschreiben mindestens 1 Präparat für 100 Euro täglich. Macht 20.000 Euro Umsatz bei 200 Arbeitstagen.
Wenn Sie das Präparat fünfmal täglich verschreiben, das müsste ja nun wirklich ohne Probleme möglich sein, sind Sie nach Adam Riese bereits bei schlappen 100.000 Euro. Klingt das nicht wie Musik? Wie Bayreuth?

Der Wille des Wählers .
Wissen Sie, was man machen würde, wenn es ihn tatsächlich geben würde? Man würde ernsthaft versuchen, in Erfahrung zu bringen, was der Bürger wirklich will. Und wenn das offen und ehrlich, kompetent und ohne die unsägliche Einflussnahme der Parteienlandschaft geschehen würde, dann würden wir unser blaues Wunder erleben. Und es würde etwas passieren, wie bei der Befragung zur europäischen Verfassung, bei der sich einige Völker eine eigene Meinung bilden durften. Wir waren nicht dabei.
Überhaupt, mich jedenfalls hat niemals in meinem Leben irgendjemand zur Verfassung in Deutschland gefragt. Sie bestimmt auch nicht. Ich habe sie mit in die Wiege gelegt bekommen und bin ihr auch heute noch verpflichtet. Meine Meinung interessiert nicht. Ihre auch nicht, nicht dass wir uns da falsch verstehen. Unsere Väter haben das für uns ein für allemal festgelegt. Und unsere Regierung sah sich durch das Vier-Jahres-Mandat auch autorisiert, der europäischen Verfassung zuzustimmen, in aller Namen. Also ehrlich, ich frage Sie, wo leben wir denn eigentlich? Fehlt nur noch, dass wir die Zwangsehe wieder einführen.

Unabhängige Meinung
Medien versuchen Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist ja auch total wichtig. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie interessieren sich dafür, wie das bei den Autos der Fall ist. Oder Sie haben sich dafür zu interessieren, weil es den Schwarm betrifft, den Schwarm als Ganzes, die Richtung, den Zusammenhalt, die Gefahren, die den Verbandsmitgliedern drohen. Und da die Sprache des Schwarms die Medien sind, wie wir bereits festgestellt haben, kommt diesen eine ganz besondere Verantwortung zu. Sie sind das Gewissen, die Tugendwächter, sie sind die Mahner und Beschützer und sie setzen sich kritisch mit dem Zeitgeschehen auseinander. Sie recherchieren, analysieren, decken auf und zu. Ganz wichtig die regelmäßigen Nachrichten, die Sie über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten und Sie vor allem über Abweichungen von der Norm informieren. Sie sind die wachsamen Hüter der Grenzbereiche, wie bei jener Mutter, die neun ihrer Säuglinge getötet haben soll. Sie hat offensichtlich den Zeitpunkt einer zwar nicht legalen, aber vom Staat geduldeten Abtreibung über den Zeitpunkt der Geburt hinaus verschoben. Ab diesem Zeitpunkt ist es Mord oder Totschlag.

Frieden
Was wäre mit einem Friedensprogramm?
Hier liegt der Hund begraben. Keiner sieht sich das an. Schlechte Quoten. Der Tatort ist spannender. Und schon wieder stirbt ein Mensch! Wie schrecklich! Wie schön! Die Pupille weitet sich, das analoge Intranet speichert den unnatürlichen Tod als natürlichen Vorgang in unserer Gesellschaft. Wir schalten die Kiste aus und meinen, das war ja nur ein Film und das hat mit unserem friedlichen Leben nichts zu tun. Weit gefehlt, liebe Leute! So doof ist unser Intranet ja auch nicht. Die stete Wiederholung, jeden Abend mindestens ein Mord, lässt in Ihrem internen Netzwerk, das sich ja für das Leben fit halten muss, den Schluss zu, dass man sich auf Mord und Totschlag einstellen muss. Und schon lauern die ängstlichen Gesichter hinter den Gardinen Deutschlands und die Rollos werden heruntergelassen.

Der Ausweg?
Nutzen Sie Ihre Sinne! Lernen Sie von der Natur! Mischen Sie sich ein! Sagen Sie Ihre Meinung! Lassen Sie sich nicht alles gefallen! Folgen Sie Ihrer inneren Stimme. Es ist keine Katastrophe, wenn Sie auch einmal "Nein!" sagen. Denken Sie daran, die Ursache allen Übels ist, wenn Sie "Ja!" sagen, aber "Nein!" meinen. Nehmen Sie die scheinbaren Annehmlichkeiten, die Ihnen die Zivilisation bietet, mit gesunder Vorsicht entgegen. Seien Sie wachsam. Beobachten Sie Ihre Umgebung und erlauben Sie sich eine kritische Sicht der Dinge, auch wenn Sie anecken. Denken Sie daran, was scheinbar intelligent ist, kann unglaublich dumm sein. Was scheinbar einfach ist, ist oft hochintelligent. Wie beispielsweise der Schlaf oder das Vergessen. Ohne das intelligente Vergessen sind wir nicht lebensfähig. Kein Mediziner dieser Welt befasst sich mit dem Vergessen! Vergessen Sie's und hören Sie auf Ihre eigene Stimme. Sie ist der beste Ratgeber.
Gehen Sie in die Politik, wenn Sie das ertragen können. Die Gefahr, dass Sie ein Lafontaine, Gysi, ein Schröder, Westerwelle, eine Merkel, ein Stoiber werden, ist jedoch ziemlich groß.